Was sich hinter dem Putz verbirgt

Der Churer Scalärastein prägte über Jahrhunderte das Bauen mit Bruch- und Werkstein. Das lokale Gestein zeigt, wie handwerkliche Bearbeitung, Materiallogik und Baukultur in der Altstadt eng zusammenwirken.

Francis de Quervain hat sich in seinem Buch „Steine schweizerische Kunstdenkmäler“ intensiv mit dem Stein als Baumaterial auseinandergesetzt. Darin widmete er sich unter anderem den verschiedenen Gesteinsarten, die in Graubünden zur Anwendung kamen. De Quervain hebt für die Stadt Chur besonders den Scalärastein hervor. Dieser fungiert bei ihm als Sammelbegriff für sich stark ähnelndes, geschiefertes Gestein unterschiedlicher Herkunft im Churer Rheintal. De Quervain zeigt sich erstaunt über die wie vielfältige und sorgfältige Verwendung des lokalen Gesteins, obwohl dieses nur bedingt für die feine Bearbeitung geeignet war.

Herkunft und Gewinnung

Bei der Gewinnung des Materials denkt man zunächst an Steinbrüche. Gemäss dem Buch «Geschichte der Stadt Chur Teil II» gab es diese in Chur im 15. Jahrhundert in der Umgebung von Araschgen und Untertor. Der Name liefert einen Hinweis, woher grosse Mengen dieses Steins stammen könnten. Nämlich aus dem Scaläratobel, nördlich von Chur. De Quervain vermutet, dass grosse Gesteinsblöcke, die die Rüfe hinabrollten, als Ausgangsmaterial dienten. Je nach Bearbeitung konnten diese Steine für Mauern mit unterschiedlichen konstruktiven Prinzipien eingesetzt werden.

Bruchsteinmauerwerk und frühe Bauweise

Die ältesten erhaltenen Mauerreste der St. Martins Kirche in Chur wurden durch den archäologischen Dienst des Kantons Graubünden untersucht. Dieser konnte nachweisen, dass es sich unter anderem um Scalärastein handelt – und dies über 800 Jahre, bevor die beiden Steinbrüche in den Quellen auftauchen. Bruchstücke des Scalärasteins wurden bei Bedarf leicht in Form geschlagen, um sie besser mit Mörtel zu Mauern zu schichten. Als schützende Schicht gegen Witterungseinflüsse diente aussen ein grob aufgetragener, Pietra Rasa genannter, Putz. Am Ende ergibt das eine archaische Wand, bei der die Steine noch leicht aus dem Putz hervorschauen. Diese einfache Technik des Bruchsteinmauerwerks überdauerte viele Jahrhunderte.

Werksteinbau und repräsentative Architektur

Mit dem Scalärastein konnte komplexer und repräsentativer gebaut werden. Bei der Hauptfassade der Kathedrale in Chur aus dem 13. Jahrhundert ist ein Quadermauerwerk zu sehen. Hier wurde nicht mit einfachen Bruchsteinen gearbeitet, sondern mit Werksteinen, die von den Steinmetzen zu Quadern mit sechs ebenen Flächen behauen wurden. Jeder Stein fügt sich an den nächsten. Es brauchte nur wenig Mörtel, um sie lückenlos zusammenzufügen. So ergibt sich aussen eine unverputzte, glatte, gestapelte Wand. Durch diese aufwendige Technik liessen sich Ecken sowie Fenster- und Türöffnungen viel genauer und grösser ausbilden als beim Bruchsteinmauerwerk.

Als schützende Schicht gegen Witterungseinflüsse wurde aussen ein grober Putz aufgetragen, der Pietra Rasa genannt wird. (Foto: FHGR)
Als schützende Schicht gegen Witterungseinflüsse wurde aussen ein grober Putz aufgetragen, der Pietra Rasa genannt wird. (Foto: FHGR)

Beide Mauerwerktypen folgen der grundlegenden Logik des Steins. Durch die aufwendigere Bearbeitung zu Werksteinen konnten die Grenzen des Materials ausgereizt und neue Gestaltungsmöglichkeiten ausprobiert werden. Aufwendige Mauerwerke aus Werksteinen blieben meist wenigen repräsentativen Bauten vorbehalten. Die Mehrheit der historischen Mauern in der Churer Altstadt wurde mit einfachem Bruchsteinmauerwerk gebaut.

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